DER SPIEGEL

Chanson-Legende Françoise Hardy
"Mit 17 wusste ich nicht, woher Babys kommen"

Ihre Kindheit war einsam, ihre Lieder sind melancholisch: Die französische Sängerin Françoise Hardy, Stilikone der sechziger Jahre, spricht im KulturSPIEGEL-Interview über alleinerziehende Mütter, späte Sexualaufklärung und den dauerbreiten Bob Dylan

 KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

 Hardy: Ich habe davon geträumt, eine Schallplatte aufzunehmen. Es gab in meiner Vorstellungskraft nichts Aufregenderes, und ich dachte nicht im Traum daran, dass daraus Wirklichkeit werden könnte. Aber ich war 17, als der Traum Realität wurde. Damals sang ich bei einer großen Plattenfirma vor, und die nahmen mich tatsächlich unter Vertrag. Das war wohl das wichtigste Jahr meiner Musikkarriere.

 KulturSPIEGEL: 1962, da waren Sie 18 und hatten gerade Abitur gemacht, wurden Sie mit dem Hit "Tous Les Garçons et Les Filles" auf einen Schlag berühmt. War das anstrengend?

 Hardy: Es war wirklich eine sehr aufregende Zeit in meinem Leben, obwohl ich den ganzen Rummel mit dem Berühmtwerden kaum mitbekommen habe. Ich war nämlich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig verliebt und habe darüber dann auch Lieder geschrieben, was mich von allem anderen ablenkte. Ich war wie in einem Strudel, der mich von der Welt abschloss, und abgesehen davon reiste ich durch die Welt und musste sehr viel arbeiten. Aber das erste Mal ein Lied von dir im Radio zu hören, ist natürlich unglaublich.

 KulturSPIEGEL: Sie haben mal gesagt, dass Sie mit 18 noch nicht wussten, wo die Babys herkommen. Ihr Sohn dagegen sei bereits mit fünf Jahren aufgeklärt gewesen. Stimmt das?

 Hardy: Kommt hin, mit 17 Jahren war mir tatsächlich noch nicht klar, woher die Babys kommen, und mein Sohn Thomas wusste mit fünf bestens Bescheid. Aber wir waren auch zu verschiedenen Zeiten jung, das lässt sich schwer vergleichen. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, und Aufklärung kam bei uns zu Hause nicht vor.

 KulturSPIEGEL: Von Ihrem Vater haben Sie Ihre erste Gitarre bekommen?

 Hardy: Das ging auch eher auf meine Mutter zurück. Die drängte meinen Vater, mir etwas zum Abitur zu schenken. Ich hatte dann die Wahl zwischen einem Radio und einer Gitarre. Ich nahm die Gitarre und war sofort begeistert, weil ich schnell begriff, dass man mit nur drei Akkorden bereits schöne Melodien schreiben kann.

 KulturSPIEGEL: Die meisten Ihrer Lieder sind von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. Stimmt es, dass Sie als Teenager eine Einzelgängerin waren?

 Hardy: Meine Schwester und ich hatten eine einsame Kindheit, unsere Mutter hatte kein Geld und keine Freunde. Ich fühlte mich aber auch schon als Kind von traurigen Geschichten angezogen. Mein Lieblingsmärchen war "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen.

 KulturSPIEGEL: Interviews führen Sie nur auf Französisch. Sie haben in Ihrer Karriere aber auch Platten auf Englisch, Italienisch und sogar Deutsch aufgenommen. Wie kam es dazu?

 Hardy: Das waren sozusagen Pflichtarbeiten für die Plattenfirma. Meine Mutter war sehr streng. Ich bin mit der Haltung aufgewachsen, dass Widerspruch nicht geduldet wird. Ich bereue diese Lieder nicht, aber ich möchte sie mir heute nicht mehr anhören. Nur das deutsche Lied "Träume" hat mir immer sehr gut gefallen.

 KulturSPIEGEL: Sie wurden damals in Paris von den Beatles und Bob Dylan umschwärmt. Haben Sie mit denen Englisch gesprochen?

 Hardy: Notgedrungen. Aber mein Englisch war sehr rudimentär. Wir hatten uns auch nicht wirklich viel zu erzählen, die waren alle dauerhaft so benebelt, dass eine normale Konversation eh nicht möglich war. Außerdem hätten die ja auch Französisch lernen können, oder?

 KulturSPIEGEL: Sie haben mal gesagt, nach ihrem 40. Geburtstag nicht mehr singen zu wollen. Seitdem haben Sie noch mit Bewunderern wie Malcolm McLaren, Iggy Pop oder Blur musiziert. Jetzt sind sie 66 und immer noch aktiv.

Hardy: Stimmt, ich wollte nur noch Lieder schreiben. 1988, da war ich 44, habe ich acht Jahre Pause gemacht - aber es mir dann wieder anders überlegt.

Christoph Dallach für den Spiegel, 28. Juni 2010

 


berliner_morgenpost

"Parenthèses" - Francoise Hardy hat ein neues Album heraus gebracht

"Für mich war Mick Jagger der attraktivste Mann der Erde"

In den 60er-Jahren war Françoise Hardy Frankreichs größter Popstar. Noch heute ist sie eine der wichtigsten Sängerinnen des Landes. Johanna Schmeller sprach mit ihr über das neue Album "Paranthèses", Mick Jagger und das Gefühl von Glück.

Berliner Morgenpost: Bonjour, Ma...
Françoise Hardy: Sie sind die zehnte Journalistin heute. Machen Sie schnell, sonst verpasse ich meinen Zug. Ich muss zurück nach Paris.

Bonjour, Madame. Man sagt, Sie sprechen großartig deutsch.
Non, non, non. Bei manchen Ihrer Kollegen habe ich nicht einmal die Fragen verstanden. Wir sprechen französisch.

Schnell und französisch - in Ordnung. Aber früher haben Sie sogar auf Deutsch gesungen.
Ja. Früher. Ich höre auch gern Deutsch, die Sprache ist nämlich wunderschön. Sie ist viel melodischer als Französisch.

Ausgerechnet melodischer?
Natürlich! Französisch hat keine stimmhaften Akzente, Deutsch dagegen viele Silben, Worte, sogar Sätze, auf denen man sich ausruhen kann. Das gibt der Sprache Rhythmus. Das Französische ist doch kein bisschen rhythmisch!

Auf Ihrem neuen Album "Parenthèses" gibt es ein Stück, in dem Sie die Pianistin Hélène Grimaud begleitet.
Ich verehre diese Frau in jeder Hinsicht. Eine gemeinsame Freundin hat uns einander vorgestellt, vor sieben Jahren. Ich wollte schon immer mit ihr arbeiten. Aber ich konnte mir beileibe nicht vorstellen, dass es etwas an meiner Arbeit gibt, das sie interessiert.

Wie kam es dann doch zur Zusammenarbeit?
Hélène schrieb mir eine kurze Mail, doch ich war voller Selbstzweifel. Ich konnte sie doch nicht einfach so anrufen - wie irgendeine beliebige Studiopianistin!

Sie haben sich für die Adaption eines Brahms-Stücks entschieden.
Ich wollte ihr möglichst weit entgegenkommen. Hélène hat das Stück zunächst allein eingespielt, sie ist oft unterwegs. Als ich es mir angehört hatte, zögerte ich erst recht, meinen Gesang darüber zu legen. Ich hatte das Gefühl, alles zu verderben, wollte nicht, dass man mich lauter hört als Hélènes wundervolles Klavier.

Sind Sie mit dem Resultat etwa nicht zufrieden?
Ehrlich gesagt habe ich immer noch Komplexe. Aber dass Hélène zur Zusammenarbeit bereit war, betrachte ich als Geschenk.

So viel Selbstkritik erwartet man nicht, wenn man bedenkt, dass Sie im Frankreich der 60er-Jahre das Idol einer ganzen Generation waren. Mick Jagger hat damals gesagt, Sie seien die schönste Frau der Welt!
Das stimmt. Für mich war er der attraktivste Mann der Erde, und er sagte dasselbe von mir. Aber ganz ehrlich: Da war nie was zwischen uns!

Warum eigentlich nicht?
Ach, er lebte in London, ich in Paris, wir reisten beide viel. Es hat einfach nicht geklappt. Außerdem war ich sehr naiv: Ich wusste doch nicht mal, was Drogen sind!

Na ja, das hätte man ja leicht herausfinden können.
Schon. Aber als er sich von seiner Verlobten getrennt hatte, suchte er sich sofort eine andere: Marianne Faithful. Die entsprach ihm offenbar mehr als eine wie ich.

Was ist Ihnen besonders wichtig, wenn Sie singen?
Der Text ist unwichtig, die Melodie geht mir über alles. Meist bin ich enttäuscht, aber ich bin eben auch überkritisch.

Sie sind seit 40 Jahren eine der erfolgreichsten Musiker und haben einen Sohn, der auf Ihrer aktuellen CD auch zu hören ist. Entspricht das Ihrer Vorstellung vom vollkommen perfekten Glück?
Es macht Angst, wenn man anfängt zu begreifen, dass man älter wird, die Gesundheit nicht mehr selbstverständlich ist. Solange man jung ist, hält man sich zu viel mit der Liebe auf. Man leidet ständig und ist sehr auf sich selbst zentriert. Sobald man davon befreit ist, kann man endlich sehen, was um einen herum passiert: die Natur. Ich liebe Spazierengehen im Bois de Bologne. Aber am glücklichsten bin ich, wenn ich mit meinem Sohn essen gehe, und eine gute Flasche chilenischen Wein aufmache.

Chilenischen Wein? Das sagen Sie? Als Französin?
Früher habe ich nur Bordeaux getrunken, aber der wird immer schlechter. Ich habe schon oft Flaschen zurückgehen lassen. Gestern hatte ich einen tollen chilenischen Wein, keine Ahnung, wie der hieß, auf jeden Fall habe ich mir zu viel einschenken lassen.

Haben Sie Idole?
Mick Jagger gefiel mir als Mann. Ihn fand ich verführerisch, früher. Heute allerdings - pah! Wenn Sie mich fragen, wen ich für den besten Musiker der Welt halte, ist die Antwort klar: meinen Mann, Jacques Dutronc. Und zu dem fahre ich jetzt auch.

Berliner Morgenpost vom 11. März 2007


berliner_morgenpost

Bonjour, ich bin noch da
In den sechziger Jahren war Françoise Hardy ein Idol. Ihre neuen Chansons klingen so frisch wie damals


Bob Dylan und Mick Jagger waren in sie verliebt. Im neuen Jahrtausend hat Françoise Hardys nichts von ihrem Charme verloren. Die neue CD "Tants de belles choses " verkaufte sich in Frankreich schon 120 000 Mal.

Seit dem vorigen Jahr ist Françoise Hardy nun also in jedem Sinn des Wortes eine Sixties-Ikone: Frankreichs nachhaltigster Beitrag zum mirakulösen Jahrzehnt des Pop und zugleich eine stolze, schöne 61Jährige.

Man muß das uncharmanterweise thematisieren, weil wohl nicht einmal der treueste Fan einen Sou darauf gewettet hätte, daß das Idol der französischen Beatjugend zu Beginn des nächsten Millenniums immer noch da sein würde. Die Karriere des Teenager begann mit einem ungeheuren Glücksfall: Ihr Auftritt wurde im November 1962 vom Fernsehen als Pausenfüller gesendet, weil Präsident Charles de Gaulle sich mit einer Rede verspätet hatte. Doch das Popsternchen war stabiler, als es aussah: Ihr vier Millionen Mal verkauftes Lied "Tous les garçons et les filles " wurde ein Klassiker, der die Zeiten überstand wie Charles Trenets "La mer" oder Edith Piafs "La vie en rose ". Ein Erfolg, der auch mit Mißverständnissen zu tun hatte: "Ich war das Idol der Studenten, galt als Intellektuelle, dabei fehlt mir jedes Abstraktionsvermögen", erinnert sich Françoise Hardy.

Im Inneren der fragilen 18jährigen, die Twiggy aussehen ließ wie eine Wagner-Walküre, ruhte wohl schon 1962 dieses Selbstbewußtsein, mit dem sie jetzt in einem Hamburger Hotel mit dem passenden Namen "Reichshof" wahrhaftig Hof hält. Königlich herablassend lästert sie über Kolleginnen: "Jane Birkins letztes Album war grausam schlecht produziert, und Sylvie Vartain sollte wirklich aufhören, denn jede neue Platte ist noch schlechter als die vorherige." Genauso entschieden urteilte sie über die Qualität eigener Produkte: Ende der sechziger Jahre verabschiedete sie sich vom profitablen deutschen Schlagermarkt, weil sie nicht mit den fremden Texten zufrieden war. Deutschland revanchierte sich für die Abfuhr ganz ungalant: 1973 konnte man über Françoise Hardy in der "Bild-Zeitung lesen, sie sei in Frankreich vergessen. Das war genauso voreilig wie all die seit 1969 fast vierzehntäglich wiederkehrenden Meldungen über das Ende ihrer turbulenten Beziehung zum Sängerkollegen Jacques Dutronc - mit ihm ist sie bis heute verheiratet.

Vielleicht aus altem Groll spricht Françoise Hardy heute kein Wort Deutsch mehr, obwohl sie Germanistik studiert hat und früher sogar deutsche Interviews gab. Immerhin nimmt sie noch Platten auf, obwohl sie schon 1988 nach " Décalages" verkündet hatte, sie wolle damit aufhören: Die erste seit fast fünf Jahren heißt "Tant des belles choses" und ist der Anlaß dafür, daß Françoise Hardy deutschen Journalisten Audienz gewährt.

Es ist ein echtes Chansonalbum, durchweht von jener Traurigkeit, für die die Diva keine andere Erklärung hat als: "Das war eben immer mein Markenzeichen." In dem Titellied erklärt sie einem jungen lebensmüden Mädchen, wie viele schöne Dinge es doch gebe, für die zu leben sich lohne - doch sie trägt es mit einer Stimme vor, die zum Selbstmord auffordert. Sie lacht, als sie sich an die Aufnahme erinnert: "Ich habe versucht, beim Singen nicht an den Text zu denken."

Françoise Hardy hat mehr als jeder andere Chanson-Künstler mit Ausnahme von Serge Gainsbourg über die engen nationalen und künstlerischen Grenzen dieses Genres hinaus gestrahlt: In den Sechzigern waren Bob Dylan und Mick Jagger in sie verliebt, und in den Neunzigern nahm sie Duette mit Damon Albarn und Iggy Pop auf. Ihr Album "Le Danger " von 1996 war reiner Rock. Doch nun ist die etwas steril gewordene Chansonszene von jüngeren Künstlern wieder belebt worden. Einer der profiliertesten unter den Nachwuchsautoren schrieb jetzt auch für Françoise Hardy ein Lied. Ein anderer Songlieferant ist der Brite Perry Blake, dessen "So many things" und "Moments" Françoise Hardy auf Englisch singt. Sie war nie eine Chauvinistin, die jedes fremde Wort als einen Verstoß gegen die Ehre der Heimat betrachtete. Und über die in Deutschland als so vorbildlich angesehene nationale Quote bei Frankreichs Rundfunksendern kann sie nur lachen: "Sie spielen trotzdem den ganzen Tag immer nur die gleichen 30 glatten Songs."

In Frankreich hat sich "Tants de belles choses" seit November etwa 120 000 Mal verkauft. Nun wird es gleichzeitig in Deutschland, Japan und einem knappen Dutzend anderer Länder veröffentlicht. Françoise Hardy macht nicht den Eindruck, als ob sie das noch besonders erregen würde. Vielleicht ist das Weisheit. Vielleicht weiß sie aber auch ohnehin schon aus ihrem Horoskop, was passieren wird. Seit beinahe 20 Jahren betreibt sie die Astrologie als Hauptberuf mit Büchern und Radiosendungen.

Die Sternkunde, sagt sie, sei eine "Humanwissenschaft". Sie klingt dabei zwar nicht wie eine schrille Predigerin á la Brigitte Bardot, wenn sie sich für Seehunde und Braunbären engagiert - aber ganz ohne Schrullen kommen Diven ab einer gewissen Höhe ihres Könnens offenbar nicht aus.

Matthias Heine in der Berliner Morgenpost vom 25. Februar 2005


Mittelbayrische Zeitung

Chansonsängerin Francoise Hardy tritt ungern auf
61-Jährige betrachtet sich nicht als Sängerin

Auch nach 40 Jahren im Musikgeschäft scheut die französische Chansonsängerin Francoise Hardy öffentliche Auftritte und Star-Rummel. "Schon als kleines Kind hatte ich mit allem ein Problem, was mit Repräsentation zu tun hatte", gestand die 61-Jährige der "TV Spielfilm". Es verstöre sie ungemein, wenn alle anderen sie sehen und "mich mit ihren Blicken auseinander nehmen können", sie aber im Gegenzug von der Bühne aus niemanden im Publikum sehen könne.

Angst zu versagen habe sie jedoch nicht. "Ich habe mich auch sowieso nie als Sängerin betrachtet, da mein Stimmumfang recht begrenzt ist", sagte Hardy, die seit den sechziger Jahren als Chansonsängerin auftritt.

Mittelbayrische Zeitung vom 24. Februar 2005


tazlo

Die lachende Melancholikerin

Seit 1962 singt Françoise Hardy ihre fragilen Chansons. Jetzt ist es wieder einmal so weit. Das neue Album der ewig Skeptischen heißt "Tant de belles choses" - so viel Schönes. Ein Rendezvous mit Frankreichs nach wie vor leisester Sängerin

Françoise Hardy lächelt ein wenig unsicher, wenn sie den Interviewer anschaut. Was auch daran liegen mag, dass sie deutsch spricht: "Ich weiß nicht, wie ich meinen Erfolg erklären kann. Ich habe viel Glück gehabt." - "Was haben Sie denn in Ihren Chansons zu sagen, auszudrücken ?" - "Ich drücke meine Gefühle aus." - "Was sind das für Gefühle?" - "Ich weiß nicht, Einsamkeit, Liebe, all das ..." - "Hat der Erfolg Sie glücklich gemacht?" - Ein irritierter Blick. "Vielleicht ..." Ein verschämtes Lachen. Ob sich dahinter leiser Spott verbirgt? "Sie haben keine Angst vor der Zukunft?" - "Doch. Doch, man weiß nie, was passieren kann." - "Und diese Unruhe und Lebensangst ist auch ein Teil der Gefühle, die Sie für die jungen Leute von heute ausdrücken können, nicht?" Sehr zart und vage haucht Hardy ihre Antwort: "Ja ..."

Diese bestrickend schüchterne Françoise Hardy habe ich in der Tasche, ganz wörtlich, auf DVD gebrannt: Es ist ein Ausschnitt aus Georg Stefan Trollers berühmter Fernsehreihe "Pariser Journal", aufgenommen im Jahr 1963, wenige Monate nach Hardys rasantem Aufstieg zum Idol der génération yeah yeah. Neunzehn Jahre alt ist sie zum Zeitpunkt der Aufnahme und ihre Unsicherheit bestens nachvollziehbar. Der Eindruck wird noch dadurch unterstrichen, dass das Gespräch offenbar im Jugendzimmer der Sängerin gefilmt wurde; mehrfach ist die Kinderzimmertapete im Bild. Zu diesem Zeitpunkt hat Françoise Hardy angeblich bereits mehr Schallplatten verkauft als die Callas. In diesen wenigen Sekunden Film ist schon alles vorhanden, was Hardys Wirkung bis heute ausmacht: der spröde Charme, die Zurückhaltung, die ewige Skepsis gegenüber dem eigenen Erfolg. Vielleicht ist dieser Schnipsel ein guter Start für ein Interview mit Frankreichs leisester Sängerin.

Aber nein! Aus dem intimen Einstieg wird nichts, zu groß ist derzeit wieder der Erfolg von Madame Hardy. Das Einzelinterview in einem Hamburger Hotel ist von ihrem deutschen Management zu einem Gruppentermin mit zwei Kollegen umgewidmet worden. Zu vehement sei die Nachfrage der Medien, Pardon! Also bleibt die schüchterne Sängerin in der Tasche. Schade drum!

Schüchtern allerdings wirkt die Françoise Hardy von heute gar nicht. 61 ist sie gerade geworden, beängstigend schlank ist sie, das Haar nicht mehr kastanienbraun, auch nicht mehr grau meliert, sondern strahlend weiß. Die Frisur mit dem tiefen Pony ist dafür noch dieselbe wie seit ihrem ersten "ultimativ letzten" Album "Quelquun qui sen va" (Jemand geht) - und das erschien vor 23 Jahren! Hardy ist die Konstanz in Person: Ihre Stimme klingt so unverbraucht wie vor vier Dekaden, noch immer handeln ihre Texte von "Einsamkeit, Liebe, alldem". Deutsch allerdings spricht sie im Interview nur noch selten; kurze, vorsichtige Sätze wie: "Nicht so schlimm!", oder: "Meine Stimme ist wie ich: fragile." Und meist lacht sie dann auf eine Art, dass man ihre nicht ganz ebenmäßigen Zähne sieht und plötzlich wieder die junge, ein wenig gehemmte Frau von damals erkennt.

Überhaupt: Für eine berufsmäßige Melancholikerin lacht Françoise Hardy erfreulich oft. Etwa wenn sie Sachen sagt wie diese: "Wenn eine Melodie mir gefallen soll, muss sie etwas Trauriges haben. Erst neulich habe ich Nigel Kennedy erlebt, wie er aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" den letzten Satz aus dem "Sommer" gespielt hat. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass mich eine Melodie umgehauen hat, die nicht melancholisch war! Und wissen Sie was: Ich fürchte, es wird auch das letzte Mal gewesen sein."

"Tant de belles choses" (So viel Schönes; Virgin) heißt das neue Album, das ab Montag auch in Deutschland erhältlich ist; es ist schätzungsweise das zwanzigste in den 49 Jahren ihrer Karriere, und es enthält tatsächlich fast nur Schönes. In einer französischen Rezension hieß es, diese Schallplatte sei das Beste von Françoise Hardy, ohne ein Best of zu sein. Allerdings sollte man den Titelsong mit seinem unseligen Solo auf der E-Gitarre überspringen.

Gerade dieser Titel aber liegt der Hardy besonders am Herzen: "Für 'Tant de belles choses' hatte ich eine Produktion à la Jean-Jacques Goldman im Kopf. Die erste Fassung gefiel mir aber überhaupt nicht. Für mich ist es der einzige radiotaugliche Song, und ich finde, bei so einem Titel muss man den Weg auch zu Ende gehen." Mit aufjaulender Gitarre, nun ja. Zum Glück für alle Mitmelancholiker befand die Sängerin keinen weiteren Titel für solcherart hitverdächtig. Und Gott sei Dank findet sich die erste Version als "hidden track" auch noch auf dem Album.

Mit eigenwilligen, bisweilen verblüffenden Äußerungen muss man bei der Hardy immer rechnen: entschieden in der Meinung und gerne auch mal hyperkritisch gegen sich selbst. Erst kürzlich erzählte sie einem französischen Journalisten, dass sie keine Gesamtedition ihrer Chansons wünsche. "Alle Platten bis 1965, als ich für die Aufnahmen dann nach England ging, würde ich am liebsten für immer verschwinden lassen. Ich singe schlecht, die Arrangements sind nicht gut, und die Titel sind geradezu lächerlich!"

Ihre zahlreichen Fans sehen das natürlich ganz anders und haben ihr gern auch die Zeiten nachgesehen, als sie das Singen ein wenig lustlos und wie einen Nebenjob betrieb. Héléna Noguerra etwa, selbst Sängerin, wurde unlängst gefragt, welchen Titel sie denn gerne geschrieben hätte - und sie antwortete: "Jedes Lied, das Françoise Hardy gesungen hat. Da ist alles drin: Liebe, Schmerz, Einsamkeit und ... Würde." Na bitte, Herr Troller! Madame Hardy dürfte bei diesem Zitat indes nur aufstöhnen und sagen, dass ihr erster und bis heute größter Hit - den sie übrigens selbst geschrieben hat, aber nennen wir bloß nicht seinen Titel! - doch nun wirklich ziemlicher Mist gewesen sei.

Mit "Tant de belles choses " allerdings ist sie sehr zufrieden. "Ich freue mich, dass die Platte in Frankreich sehr gelobt worden ist und sich gut verkauft. Aber persönlich brauche ich die äußere Anerkennung gar nicht. Ich weiß, was an einer Platte schlecht ist und was gelungen. Mir ist ein Album lieber, auf dem ich alle Lieder mag und das sich schlecht verkauft, als eins, das ein Erfolg ist, aber im Grunde nichts taugt. 'Le danger' vor acht Jahren war so ein Album, auf das ich sehr stolz bin und das kein Publikum fand. 'Message personnel' dagegen war ein großer Erfolg, obwohl es ein sehr schlechtes Album ist. Da gab es nur zwei tolle Stücke drauf!"

Wenn das France Gall wüsste, die Witwe von Michel Berger! "Message personnel ", 1973 unter Bergers Ägide eingespielt und sogar für Hardy-Verhältnisse von einer bemerkenswert abgeklärten Verträumtheit, ist nun ausgerechnet ein erklärtes Lieblingsalbum vieler Fans. Ein Kritiker von der Süddeutschen Zeitung schrieb einmal, dies sei die einzige Musik, vor der er auf die Knie gehe.

Auf die frühen Jahre ihrer Karriere spricht man Françoise Hardy also besser gar nicht erst an. Die Kollegen in Hamburg allerdings sind da ganz arglos. Ob sie denn ihre in den Sechzigerjahren auf Deutsch gesungenen Titel heute noch möge, wird gefragt. "Non, non! Non, non!", entfährt es der Hardy. "Bis auf zwei, drei Ausnahmen. Die Mehrzahl war wirklich grauenhaft. Mein absoluter Albtraum hieß 'Ich steige dir aufs Dach'. Ich war damals noch sehr jung und traute mich nicht, Nein zu sagen. Meine Plattenfirma wollte, dass ich gewisse Lieder für den deutschen Markt und für bestimmte Fernsehsendungen aufnahm. In Saarbrücken gab es diesen Regisseur, Truck Branss, der mit mir ein ganzes Porträt plante und die Stücke dafür mehr oder weniger selbst ausgesucht hatte. Okay, es gab Lieder, die waren nicht so übel, 'Frag den Abendwind' oder 'Er war wie du', aber da gab es eben auch die anderen. Wenn ich die Sendung machen wollte, musste ich diese Lieder singen."

Das Truck-Branss-Porträt mit seinen spektakulären Schwarz-weiß-Kontrasten! Davon sind auch zwei Titel auf der mitgebrachten DVD. In der einen Aufnahme schreitet la Hardy wie eine düster umwölkte Ophelia durch eine kohlrabenschwarze Fabrikruine, im Hintergrund riesige weiße Texttafeln mit der deutschen Übersetzung ihres Liedes "Pourtant tu maimes" (Trotzdem liebst du mich). Ein kurioser Klassiker.

Und wie steht es mit dem italienischen Repertoire? "Nicht so schlimm! Die waren zum Teil gar nicht schlecht. 'Parlami di te' fand ich nicht so toll, aber die B-Seite war wunderbar, 'Ci sono cose'. Ich hab das Lied auch auf Französisch gesungen, 'Il est des choses '. Der letzte Titel, den ich auf Italienisch aufgenommen habe, war auch sehr schön: 'Lungo il mare'."

Wenn wir schon dabei sind, können wir auch gleich noch die "synthetische" Hardy-Epoche abhandeln, als Gabriel Yared sie zwischen 1975 und 1982 gelegentlich sogar vor den französischen Disko-Funk-Karren spannte. "Haben Sie heute wieder mehr Kontrolle als auf den fünf Alben mit Gabriel Yared?" - "Das war ja er, der alles kontrollieren wollte, nicht ich. Yared hat sehr viel Autorität. Es gibt da Sachen, die ich sehr bedaure, Lieder, die ich schon damals lächerlich fand und nicht aufnehmen wollte, aber na ja - pfft -, ich musste sie halt aufnehmen. Ihm tut vieles heute übrigens auch Leid. Und ganz so schlimm wie die deutschen Sachen war es auch nicht. Für zwei, drei wunderbare Lieder musste ich andere aufnehmen, die weniger wunderbar waren. Aber eins meiner schönsten Lieder ist auch von Gabriel Yared und Michel Jonasz, 'Que tu menterres'."

Seltsam, dieses Muster der autoritären Männer. Hat nicht Françoise Hardy selbst einmal gesagt, sie habe einen Hang zu frustrierenden Menschen ? "Na ja, ich bin ein bisschen masochistisch." Kein Augenblick des Zögerns, unfassbar. "Und wenn man ein bisschen maso ist, ziehen einen fatalerweise nicht nur Menschen an, die einen frustrieren, sondern man legt auch noch exakt das Verhalten an den Tag, das dazu führt, dass sie einen frustrieren. Ein inadäquates, unterwürfiges Verhalten, diese Servilität, weckt sadistische Impulse. Ich merke das ja selbst, wenn ich auf Menschen treffe, die vor mir auf dem Bauch liegen. Die möchte ich am liebsten rausschmeißen, so nerven mich die. Und weil ich ein bisschen maso bin, habe ich auch die Tendenz, mich kleiner zu machen. Aber ich verstehe die Ungeduld gegenüber so einem Verhalten vollkommen."

Dies wäre eine schöne Stelle, um nachzuhaken, ob das Leiden am Anderen nicht auch eine unerschöpfliche Inspirationsquelle ist. Immerhin hat Hardy kürzlich der Libération erzählt, sie wohne Seite an Seite mit jemand, der fast stumm sei. Gemeint ist Hardys Ehemann Jacques Dutronc. Und immerhin heißt es in einem ihrer neuen Texte: "Les gens qui parlent, ne me disent rien " - Menschen, die sprechen, sagen mir nichts. Doch das Bekenntnis "Je suis un peu maso " scheint dem Kollegen wohl etwas brenzlig, schnell fragt er nach Hardys Verhältnis zu Udo Jürgens, wozu ihr aber nicht viel einfällt.

Klatsch und Tratsch wären bei Françoise Hardy allerdings auch nicht zu erwarten. Umso verblüffender die Nachricht, dass in Kürze ihre Autobiografie erscheinen soll. Kann das überhaupt klappen: diskrete Memoiren? Bei diesem Thema geht sie nun allerdings doch an die Decke. "Diese Biografien nerven mich wirklich. Ich finde das geradezu skandalös: Plötzlich entschließt sich jemand, den man kaum oder gar nicht kennt, ein Buch über einen zu schreiben - und er hat auch noch das Recht dazu! In Frankreich gab es eine nicht autorisierte Biografie über mich und meinen Mann und eine Biografie nur über Jacques. Mein Mann wäre zwar selbst nie auf den Gedanken gekommen, aber immerhin, bei diesem Buch wurde er gefragt, ich wurde gefragt und alle Menschen um ihn herum auch. Eine gut dokumentierte, extrem umfassende und intelligente Sache. Dieser Autor hat zwei Jahre daran gearbeitet. Der andere hat nur abgeschrieben, was anderswo schon stand, dafür hat er zwei Monate gebraucht. Dauernd will jemand so etwas mit einem machen!"

Pardon, aber es war von einer Autobiografie die Rede! "Aber meine Texte sind meine Autobiografie! Und so introvertiert, wie ich bin, bin ich doch auch völlig uninteressant." Jetzt lacht sie wieder. "Abgesehen von den Plattenaufnahmen und Promo-Auftritten im Fernsehen führe ich ein Leben von bestürzender Banalität. Bei mir spielt sich alles im Inneren ab. Wochenlang liege ich auf dem Bett und lese. Oder mein Mann! Der liegt monatelang auf dem Bett und sieht fern. Vor allem diese deutsche Krimiserie, wie heißt die doch gleich? Derrick! Er ist ganz verrückt danach. Derrick beruhigt ihn!" Große Heiterkeit.

Nun noch eine Frage zum Filius, Thomas Dutronc, der die Hälfte der Titel auf "Tant de belles choses" produziert und Gitarre gespielt hat. Wie war die Zusammenarbeit? Gab es da eine besondere Spannung im Studio? "Nein, nein. Wissen Sie, ich bin jemand, der viele Zweifel hat und unsicher ist. Das habe ich leider meinem Sohn vererbt. Er zweifelt auch dauernd - und wenn man zu zweit im Studio ist und nicht weiterweiß, ist das nicht so gut für die Energie. Ich hab ihm gesagt, dass wir gern unsicher sein können - Zweifel sind ja etwas Gutes -, aber dass wir es uns besser nicht anmerken lassen."

Nach ein paar Singles mit Stars wie Blur oder Iggy Popp - gibt es da jemanden, mit dem sie besonders gerne zusammenarbeiten möchte? "Es reicht doch nicht, jemand zu bewundern. Es muss einen Austausch geben. Fifty-fifty. Ich bin auf gute Melodien angewiesen, zu denen ich meine Texte schreibe. Deshalb arbeite ich oft mit jungen Künstlern wie Perry Blake zusammen, weil ich weiß, ich habe etwas davon - und der andere auch. Ich kann nicht Muse oder Coldplay anrufen und sagen: 'Na ja, ich mag eure Lieder, schreibt mir doch mal einen Song.' Was hätten die davon ? Gar nichts. Ich schon. Über so etwas muss man sich Gedanken machen, bevor man jemand um etwas bittet." Da ist sie wieder, die Bescheidenheit, die sie schlicht Realismus nennt.

Zum Abschluss noch eine Frage, auf den Elfmeterpunkt gelegt: "Wie kommt es, dass Ihre Simme nach über vierzig Jahren Karriere noch immer so intakt ist?" Und tatsächlich, Hardy schießt sofort: "Weil ich sie so selten gebrauche!" Sagts und lacht noch einmal ihr schönstes Françoise-Hardy -Lachen. Dann schiebt sie süffisant nach: "Und außerdem habe ich einen sehr guten Toningenieur."

Der Kollege will als Letztes wissen, was es denn mit Bob Dylans Bewunderung für sie auf sich hatte. Ach, diese alte Geschichte, sagt sie. Nun gut: Dylan sei Mitte der Sechzigerjahre für ein Konzert nach Paris gekommen und habe im Vorfeld erklärt, er wolle Brigitte Bardot und eben sie, Françoise Hardy, treffen. Bardot habe abgewinkt, sie aber sei in das Konzert gegangen, das übrigens schauderhaft schlecht gewesen sei. Krank habe er ausgesehen, "tout jaune" -gelb. In der Pause habe er ihr ausrichten lassen, er würde das Konzert nur fortsetzen, wenn sie ihn in der Garderobe besuche. Das habe sie dann auch getan und weiter sei nichts passiert. Voilà tout. "Und?", will der Kollege noch wissen, "die zweite Hälfte des Konzerts war dann richtig gut?" - "Ach was", sagt die Hardy ungerührt, "die war genauso schlecht wie die erste."

Reinhard Krause in Tageszeitung vom 19. Febuar 2005


ard.de

Französischer Chanson
Melancholie à la Hardy

Sie ist die französische Pop-Ikone der 60er Jahre und eine bekennende Melancholikerin: Françoise Hardy. Jetzt hat sie ein neues Album herausgebracht: "Tant de belles choses".
Es ist eine gewisse Melancholie, die ich in den Liedern suche", sagt Françoise Hardy, die Grande Dame des französischen Chansons gegenüber "MDR Figaro". Im Januar feierte sie ihren 61. Geburtstag, seit 40 Jahren macht sie Musik. Die Lederjacke hat sie inzwischen gegen den Hosenanzug getauscht, die rockigen Klänge sind melancholischeren gewichen. Immer noch schreibt sie die meisten ihrer Texte selbst, aufrichtig, stilsicher und mit Niveau. Und auch heute ist ihre Stimme weiterhin unverändert jung, als wäre sie noch das Mädchen, das in den 60ern zur Stilikone wurde.

Spargeliger Shooting-Star
Mit 18 wurde Hardy über Nacht zum Star: Ihre traurige Liebesballade "Tous les garçons et les filles" füllte 1962 die Pause einer Rede des damals amtierenden Staatspräsidenten Charles de Gaulles und schlug ein wie eine Bombe. Die Fans stürmten in den folgenden Tagen die Plattengeschäfte, um den Song zu erwerben, der sich inzwischen vier Millionen Mal verkaufte. Keine Eintagsfliege, sondern der Auftakt einer internationalen Karriere. Bob Dylan machte es 1966 bei einem Bühnenauftritt in Paris zur Bedingung, sie zu treffen, die Rolling Stones schleppten sie zu Partys. Die Sex Pistols wollten mit ihr arbeiten, und heute tritt sie mit Blur oder Iggy Pop auf.

Ein Geheimnis ihres Erfolges: Sie kreierte einen neuen Frauentyp – langbeinig, introvertiert, mädchenhaft. Das Pendant zum lockenden Vollweib Brigitte Bardot. Man nannte sie "Spargel" und dies war dann auch der Name ihrer eigenen Produktionsfirma. Bis in die 80er Jahre veröffentlichte sie regelmäßig Langspielplatten, danach wurde es still um die Sängerin.

Leichtfüßig und melancholisch zugleich
Im Jahr 2000 erschien ihr Comeback-Album "Clair Obscur ", das sich in Frankreich über eine Million Mal verkaufte. Nun steht ein neues Album in den Läden: "Tant de belles choses " - "So viele schöne Dinge". Hardy hat sich weiterentwickelt und ist sich zugleich treu geblieben. Das zeigt nicht zuletzt die musikalische Zusammenarbeit, die sie für ihr inzwischen 24. Album wählte: Eine gute Mischung aus erfahrenen Musikern und jungen Talenten. Zu den alten Weggefährten gehört Hardys langjähriger Kreativpartner Alain Lubrano, zu den jungen Talenten der noch unbekannte Sänger und Komponist Pascale Daniel. Eine neue Bekanntschaft ist außerdem Benjamin Biolay, seit Anfang 2002 der neue Star am französischen Pophimmel. Beide Youngsters steuerten jeweils einen Song zum neuen Album bei. Zwei englische Stücke verdankt Hardy dem irischen Songwriter Perry Blake - charmant umschmeichelt von Madame Hardys französischem Akzent. "Tant de belles choses" - das sind 12 Chansons, modern und zeitlos, leichtfüßig und melancholisch zugleich - raffiniert arrangiert und vorgetragen mit der unvergleichlich sanften Stimme der "La Hardy". Vraiment une "belle chose".

ard.de vom 23.Februar 2005


3sat-Kulturzeit

Popikone

Françoise Hardy ist zurück
Frankreichs Popikone der 60er Jahre bringt nach einer langen Pause wieder ein neues Album heraus: "Tant de belles choses" beinhaltet zwölf Chansons, die zeigen, dass Françoise Hardy sich selbst treu geblieben und dabei immer noch gut hörbar ist. Kulturzeit hat sie über den Dächern von Paris getroffen und sie zu ihren Erfolgen, ihrem Leben und ihrem neuen Album befragt.

Ihre melancholische, weiche Stimme ist ihr Markenzeichen. Françoise Hardy, ein Teenageridol der 60er Jahre, ist zurück mit der CD "Tant de belles choses ". "Ein Chanson drückt immer eine starke Gefühlsregung aus, Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, Sorgen oder Nostalgie", sagt Franoise.

Sie schreibt ihre Texte selbst, aufrichtig, stilsicher und mit Niveau. "Ich isoliere mich," so die Künstlerin, "höre immer wieder die Melodie und notiere mir die Rhythmik." Ihre Themen sind jetzt andere, als noch vor 40 Jahren. Damals wurde Françoise Hardy über Nacht berühmt. Am 18. November 1962 trat sie in einer Sendung über das Referendum zur Unabhängigkeit Algeriens als Pausenfüller auf. Ein scheues Mädchen, mit dem Lied "Tout les garcon et les filles de mon age ", das dann vier Millionen mal verkauft wurde.

Ein neuer Frauentyp
Dieses ernsthafte, katzenäugige Wesen traf unbewusst den Nerv ihrer Zeit im sonst so seichten Schlagergeschäft. An ihren damaligen Erfolg erinnert, sagt sie: "Dieses Lied entstand genau zu dem Zeitpunkt, als ich das erste Mal verliebt war. Diese erste große Liebe hat mich mehr beschäftigt, als der plötzliche Ruhm. Stimmlich habe ich mich nicht besonders verändert, aber die technischen Möglichkeiten sind heute ganz andere. Der Toningenieur, Dominique Defranka, mit dem ich arbeite, ist der Traum bei Vokalaufnahmen. Ich glaube das merkt man dem Album an."

Françoise Hardy ist im 21. Jahrhundert angekommen. Ihr 1973 geborener Sohn Thomas, aus ihrer Ehe mit dem Sänger und Schauspieler Jacques Dutronc, ist als Gittarist zum zweiten Mal auf einer Einspielung mit ihr. "Ich habe schon an der CD zuvor ein bisschen mitgewirkt," sagt Thomas. "Seither konnte ich mich musikalisch weiterentwickeln. Außerdem bin ich bei dieser stärker involviert und darüber sehr froh." Thomas Dutronc und Françoise Hardy auf einer CD. Als Françoise ihre Karriere begann, war sie jünger als Thomas jetzt. Sie hatte einen Frauentyp kreiert: langbeinig, introvertiert – cool hätte man das später genannt. "Spargel" apostrophierte man sie und Spargel nannte sie dann auch ihre eigene Produktionsfirma. Bob Dylan machte es 1966 bei einem Bühnenauftritt in Paris zur Bedingung, sie zu treffen, die Rolling Stones schleppten sie zu Partys, die Sex Pistols wollten mit ihr arbeiten, heutzutage treten Blur mit ihr auf und Iggy Popp, oder auch ihr Sohn.

Mädchen mit Komplexen
Mit Françoise Hardy über den Dächern von Paris, das ist eine Reise in der Zeitkapsel. Sie hat ihr Talent nicht wie eine Leuchtkugel verschossen. Ihre Stimme ist unverändert jung, als wäre sie noch das Mädchen, das damals zur Stilikone wurde und einen neuen Frauentypus prägte: ohne viel Busen, mit Understatemant. Mal abgesehen von den Wolkenkratzer-Beinen, ein Trendsetter der knabenhaften Linie.

Françoise Hardy resümiert: "Rückblickend kann ich nicht sagen, dass ich das damals analysiert habe. Sicher ist, dass ich zu einem Zeitpunkt aufgetaucht bin, als die Mode eher auf Brigitte Bardot zugeschnitten war, bei der alles am richtigen Platz war und in rosa Vichy-Stoffen. Ich dagegen war ein Mädchen mit Komplexen."

Das Mädchen mit den Komplexen, wurde die Charts rauf und runter gespielt und ist wieder da - mit einer bemerkenswerten neuen CD.

Ursula Bushnell am 21. Februar 2005 für Kulturzeit


Stern

Zur Person:
Françoise Hardy lebt mit ihrem Mann, dem Sänger und Schauspieler Jacques Dutronc im Zentrum von Paris. Ihr gemeinsamer Sohn Thomas kam 1973 zur Welt. Die Französin, die an der Sorbonne Sprachen studierte, wurde 1962 berühmt, als sie im Fernsehen als Pausenfüller bei einer Rede von Präsident Charles de Gaulle auftrat. Es folgte eine internationale Karriere, bald zählten auch Bob Dylan und Mick Jagger zu ihren Bewunderern. Anfang der Siebziger zog sich Hardy überwiegend ins Privatleben zurück, veröffentlichte aber weiterhin Alben. Das letzte erschien 2000

Fahren Sie in diesem Sommer wie immer nach Korsika?
Ich hasse den Urlaub. Die Hitze da unten, die Wasserknappheit, die Waldbrände. Aber ich fahre wieder auf die Insel - mein Mann und mein Sohn sind so gern dort.

Was würden Sie lieber tun?
In Paris bleiben.

Wie verbringen Sie da den Tag?
Früh aufstehen, ich bin ein Morgenmensch. Dann erledige ich ein paar Dinge am Telefon, gehe ein bisschen einkaufen und höre stundenlang Musik. Abends liege ich um neun Uhr im Bett und gucke fern.

In den sechziger Jahren haben Sie mit Ihren Chansons die Welt begeistert. Welche Musik gefällt Ihnen heute am besten?
Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: Britpop, Gruppen wie Massive Attack oder Blur. Aber jetzt höre ich fast nur noch Klassik, am liebsten Klavierkonzerte, gespielt von Swjatoslaw Richter. Oder von der Argentinierin Martha Argerich, deren genaue Geburtsdaten ich kürzlich erfahren habe - nun bin ich dabei, ihr Horoskop zu erstellen.

In Frankreich ist gerade Ihr Buch "Les Rythmes du Zodiaque" (Die Rhythmen der Sternzeichen) erschienen. Seit wann beschäftigt Sie Astrologie?
Seit ich 18 bin. Mein Gynäkologe hatte mich damals zu einem Astrologen geschickt, und der erzählte mir Dinge über meine Gefühlswelt, die alle stimmten. Als ich später keine Konzerte mehr gab, habe ich mich intensiver damit auseinandergesetzt und einige Kurse besucht.

Bei Elizabeth Teissier?
Nein, bei Jean-Pierre Nicola. Er vertritt nicht wie Madame Teissier eine traditionelle, sondern eine moderne Astrologie.

Wo ist der Unterschied?
Wir legen nicht so viel Wert auf Symbolik und machen auch keine Voraussagen über die Zukunft.

In Ihrem Buch erklären Sie bestimmte Verhaltensweisen von US-Präsident George W. Bush, einem Krebs.
Menschen dieses Sternzeichens wollen meist sich und ihren Clan schützen, zugleich brauchen sie viel Zeit für ihre Entscheidungen. Positiv gespochen hat der Krebs eine gewisse Standfestigkeit; die kann auch in Dickköpfigkeit umschlagen, wenn es zum Beispiel darum geht, Irrtümer einzugestehen. George Bush ist auch dem Löwen nahe - ein Charakter, der sich nicht leicht entmutigen lässt, im Negativen allerdings schnell vereinfacht. Ich denke, wenn der Präsident von der "Achse des Bösen" spricht, ist das eine Vereinfachung, die beinahe an Dummheit grenzt.

Interessiert sich Ihr Mann, der Sänger und Schauspieler Jacques Dutronc, auch für Astrologie?
Nein, er hat nicht mal mein Buch gelesen.

Leben Sie beide in Paris zusammen?
Jeder hat hier in unserem Haus seine eigene Etage. Jacques ist ein sehr unabhängiger Mensch. Ich war es nicht, aber ich bin es geworden.

Werden Sie irgendwann mal wieder ein Konzert geben?
Nein. Ich habe mit 24 aufgehört, da werde ich jetzt doch nicht mit bald 60 und einem kaputten Knie wieder antreten.

Bereiten Sie ein neues Album vor?
Das mache ich dauernd. Nach den Ferien geht es wieder los, ich suche noch Melodien, zu denen ich Texte schreiben kann.

Ihre Chansons sind oft sehr melancholisch. Entspricht das Ihrer eigenen Stimmung?
Ja, unbedingt. Unsere Existenz ist doch so dramatisch. Man verlässt und verliert Menschen, die man liebt. Der Tod ist unausweichlich, das ist fürchterlich. Und die Zeit vergeht viel zu schnell. Die Melancholie sublimiert das menschliche Leid - in Beethovens Fünfter Sinfonie kommt das wunderbar zum Ausdruck.

Tilman Müller im Stern am 22. Juli 2003


tazlo

Singender Spargel

Voilà , da ist sie wieder: Françoise Hardy, Chansonstar der Sechzigerjahre, hat ihre Karriere nach Jahren des Laisser -faire wieder in die eigenen Hände genommen. Prompt ist der Erfolg zurückgekehrt.

Ein Portrait von REINHARD KRAUSE
Dass sie plötzlich wieder auf den Spitzenplätzen der Verkaufscharts auftaucht, nimmt Françoise Hardy hin wie einen gnädigen Wetterumschwung. "Clair-Obscur" (Virgin), das neue Album der französischen Sixties-Ikone, hält sich in Frankreich seit Wochen unter den Top Ten. Längst hat die Sängerin aufgegeben, darüber zu grübeln, weshalb sich manche ihrer Platten gut verkaufen, andere wieder - wohl die meisten - gar nicht. Gerade ihre Lieblingsalben, hat sie festgestellt, wurden vom Publikum verschmäht; Platten, für die sie sich fast schämt, verkauften sich wie von selbst. Mit "Clair-Obscur" hat sie endlich einmal beides: Erfolg und Zufriedenheit.

Françoise Hardy gehört nicht zu den Sängerinnen, die aus großen Gefühlen mit Pressluft und fuchtelnden Gesten dramatische Lieder machen. Im Gegenteil, sie war die erste, die hartnäckige Minderwertigkeitskomplexe zu ihrem künstlerischen Markenzeichen erhob. Das perfekte Idol für alle Schüchternen: schön und doch gehemmt. Mit klarem, aber tieftraurigem Timbre sang sie bei ihrem Schallplattendebüt im Jahr 1962 Lieder aus der Mauerblümchenperspektive: Alle sind sie glücklich verliebt, nur ich bin allein. Melancholie total!

Was bei jeder anderen Sängerin das Futter für Hohn und Spott gewesen wäre, weckte im Fall der damals achtzehnjährigen Hardy Beschützerinstikte. So umwerfend sie aussah, ihr Unglück wirkte völlig überzeugend. Mit ihrer Körpergröße von einem Meter achtundsiebzig, diktierte sie den Journalisten damals in die Blöcke, falle sie überall auf; außerdem habe sie Schuhgröße 41 - kein Skandal, aber doch ein Schicksal, so kurz nach den auf Damenhaftigkeit getrimmten Fünfzigern.

Erst später enthüllte sie die ernsteren Hintergründe ihres chronisch kränkelnden Selbstwertgefühls: Sie war der Spross einer unehelichen Verbindung - in den Vierzigerjahren noch Grund für Häme und Ausgrenzung. Schwerer noch, vermutet die Sängerin, wog die rigide Behandlung durch ihre allein erziehende Mutter: Neugeborene, hatte die gehört, solle man am besten ignorieren, wenn sie nachts schreien - sie werden sonst "kapriziös". Irgendwann stellte Françoise tatsächlich das Schreien ein. Eigenwillig wurde sie trotzdem.

Der Erfolg kam rasch und plötzlich über sie. Zum Abitur hatte sie eine Gitarre geschenkt bekommen, und ihre selbst geschriebenen Lieder wurden entgegen ihrer eigenen Erwartung über Nacht zum Hit. "Ich hatte mich extra bei der Plattenfirma Vogue vorgestellt - aus dem Kalkül, dass die wohl nicht so kritisch sein konnten. So schlecht, wie deren Arrangements waren . . ." Wenn sich Françoise Hardy mit etwas auskennt, dann mit Schwächen - und seien es die eigenen. Erstaunlich allerdings, wie souverän sie mit ihnen umgeht. Die Aufnahmen für ihre erste Platte mit vier Titeln dauerten nur wenige Stunden. Schon damals war sie mit dem Orchestersound nicht wirklich zufrieden. "Tous les garçons et les filles" wurde trotzdem zum millionenfach verkauften Hit - und für die Sängerin zu so etwas wie einem Fluch: Noch heute reagiert sie genervt, wenn sie reflexhaft auf ihren ersten und größten Hit angesprochen wird: "Das Lied ist doch von kompletter Einfalt!"

Auch was ihren Gesang angeht, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. "Meine Stimme", verkündet sie, "ist sehr begrenzt. Sogar beim Sprechen habe ich oft einen Frosch im Hals." Um ungerührt fortzufahren: "Dafür haben kräftigere Sängerinnen häufig Schwierigkeiten mit der Nuancierung." Serge Gainsbourg, der für sie eine Handvoll Songs schrieb - darunter den Hit "Comment te dire adieu" -, sah das ähnlich: "Selbst wenn die Nadel des Aufnahmegeräts kaum ausschlägt - wenn Françoise singt, passiert etwas Fundamentales."

Mit dem Plattenerfolg kamen auch ganz andere Angebote - mangels Erfahrung nahm sie vieles an, bei dem sie sich dann doch unwohl fühlte: Sie modelte für Modezeitschriften, drehte zwei Spielfilme - "Château en Suède" von Roger Vadim und "Grand Prix" von John Frankenheimer - und sie ging mehrfach auf Tournee. Lampenfieber war ihr ständiger Begleiter. Warum sich quälen? Fortan lehnte sie jedes weitere Filmangebot ab und betrat seit 1967 keine Konzertbühne mehr. Auch Promotionsauftritte waren ihr stets lästig, zum Leidwesen ihrer Plattenfirmen.

Mitte der Sechzigerjahre herrschte europaweit Hardy-Mania. Einige ihrer Songs sang sie in angestrengtem italienisch, andere in meist ti-äitsch -losem Englisch. Und zwei Dutzend Lieder sang sie makellos auf Deutsch - eine Folge ihrer vielen Österreichurlaube als Teenager. Mit der deutschen Phase ihrer Karriere scheint sie jedoch komplett abgeschlossen zu haben. An den Rechten für ihre deutschen Titel biss sich Bear -Family-Chef Richard Weitze bislang die Zähne aus. Die rückt Madame in Paris nicht heraus. Warum das alles noch einmal in Umlauf bringen?

Nicht nur optisch war Françoise Hardy in den Sechzigerjahren eine Ausnahmeerscheinung. Neben ihr zählte einzig noch Barbara ("Göttingen") zu den Sängerinnen, die sich ihr Material selbst schrieben. Die Hardy gründete darüber hinaus noch ihren eigenen Musikverlag "Asparagus" - Spargel. Ein Kritiker hatte sie einmal die "Twist-Endivie" genannt, was sie auf die Idee brachte, Spargel passe wohl besser.

Bis in die frühen Siebzigerjahre verging kein Jahr, in dem nicht mindestens ein neues Hardy-Album erschien. Der Erfolg hatte Ende der Sechzigerjahre zwar schon ein wenig nachgelassen, dafür jedoch hatte sie fast die komplette Kontrolle über ihre Arbeit. Nach einer nahezu unbeachtet gebliebenen LP, die sie 1971 mit der brasilianischen Musikerin Tuca aufnahm und die ihr persönliches Lieblingsalbum bleiben sollte, verminderte Hardy allmählich ihr musikalisches Engagement und überließ es fortan Musikerkollegen, sie in Szene zu setzen. Seit der Geburt ihres Sohnes Thomas spielte die Musik nur noch eine marginale Rolle in ihrem Leben. Eine Zurückhaltung, die - wie bei der Zusammenarbeit mit Michel Berger - zu grandiosen Ergebnissen führte ("Message personnelle ", 1973), aber auch zu unglücklichen wie bei den fünf Alben, die Gabriel Yared zwischen 1977 und 1982 mit ihr produzierte. 1982 erklärte sie schließlich, sie wolle endgültig nie wieder eine Langspielplatte aufnehmen.

Ein Schwur, den sie bis heute dreimal gebrochen hat. In den Neunzigerjahren scheint sogar Hardys Interesse, Platten nach ihrem eigenen Geschmack aufzunehmen, wieder erwacht zu sein: wohl nicht zuletzt ein Erfolg der vielen hochkarätigen Verehrer, die sie um eine musikalische Zusammenarbeit baten. In den letzten fünf Jahren hat sie mit Blur gesungen, mit Malcolm McLaren, mit Iggy Pop und Air.

Geriet ihr Album "Décalages " (1988) noch ein wenig synthetisch und beliebig, so war "Le danger" (Virgin), vor vier Jahren erschienen, ihr Herzensprojekt: Einmal mit einer veritablen Band arbeiten! Nie sang sie ihre Texte zu lauterer Musik, selten wirkte ihr Gesang so fragil und zugleich so souverän. Die Wiederauferstehung einer Legende. Doch wie so oft, wenn sie sich engagierte: Kommerziell war die Platte ein totaler Flop.

Heute, im 39. Jahr ihrer Karriere, ist Françoise Hardy also wieder auf der Höhe des Massengeschmacks. Was ein wenig erstaunt, denn "Clair-Obscur " ist geradezu zeitlos und klingt wie eine bunte Mischung altgedienter Lieblingslieder - von Django Reinhardt über Don Everly bis Eric Clapton. Zusammengehalten wird das eher ruhige Album - wie könnte es bei der Hardy auch anders sein? - durch eine ausgeglichen melancholische Grundstimmung. Und wundersamerweise klingt ihre Stimme genauso jung wie vor dreißig Jahren. Auch dies eine Folge ihres berühmt-berüchtigten Phlegmas? "Ich trainiere meine Stimme nie", hat sie jüngst erklärt. "Ich denke ja jedes Mal, das ist nun wirklich meine letzte Platte."

Zur Promotion der Single "Puisque vous partez en voyage" hat sie gar ein Video drehen lassen; Zuschauer in Deutschland können es gelegentlich auf TV 5 sehen. Die Hardy, ein wenig gealtert, schlendert darin neben ihrem Ehemann - ein wenig aufgedunsen: Jacques Dutronc - über einen Bahnhof und geleitet ihn zum Zug. In dem nostalgischen Chanson aus den Dreißigerjahren geht es um ein Liebespaar, das sich zum ersten Mal für ein paar Tage trennt. Dutronc kauft ihr im Video zum Abschied einen Blumenstrauß von ausgesuchter Scheußlichkeit, die Hardy nimmt ihn gnädig an und wippt mit ihm schließlich so nachlässig im Takt, als wollte sie ihn gleich in die Tonne werfen. Zauberhaft!

REINHARD KRAUSE taz Magazin Nr. 6205 vom 29.7.2000


DER SPIEGEL 17/2000

Glanz im Dämmerlicht

Françoise Hardy, in den Sechzigen als Chanson-Ikone angebetet, ist dank Frankreichs Pop-Aufschwung wieder international im Geschäft.

Das Apartmenthaus im Zentrum von Paris, nicht weit von den Champs-Elysees, erinnert an einen Bunker. Ein kühler, fast lichtloser Bau, in dem die Betonwände so massiv erscheinen, als ob draußen die Welt untergehen könnte, ohne dass es drinnen einer mitbekäme.

Das perfekte Versteck also für Françoise Hardy, die von einer Wohnung vor allem eins erwartet: ihre Ruhe. "Das Leben da draußen ist so aufregend, dass ich es vorziehe, in meinen vier Wänden zu bleiben."

Für eine, die sich gern daheim verschanzt, hat die 56-Jährige einen, auch nach eigener Einschätzung, paradoxen Job: Sie ist Sängerin. Sie hasst Kameras, und die Vorstellung, dass sie "Menschen anstarren", lässt sie "leiden".

Die Kombination aus Charme und Tristesse pflegt Hardy auch auf ihrem wunderbaren neuen Album "Clair-Obscur" (Virgin), auf dem sie neben eigenen Liedern dezent arrangierte Balladen von Django Reinhardt, Don Everly und Eric Clapton singt.

Einige neunmalkluge Journalisten animierte die gepflegt schwermütige Platte dazu, der Künstlerin depressive Neigungen zu unterstellen. Dabei ist die Melancholie der Hardy längst Legende. Als so unnahbare wie geheimnisvolle Schöne mit langem Haar und unendlich traurigen Augen becircte sie in den sechziger Jahren nicht nur die Franzosen, sondern die ganze Pop-Welt.

Die Beatles schwärmten für sie, die Rolling Stones schleppten sie auf Partys, und Bob Dylan verkündete 1966 sogar vor einem Konzert in Paris, dass er die Bühne nicht betreten werde, ohne vorher Françoise Hardy getroffen zu haben.

Das ist lange her, und die Umworbene erinnert sich angeblich nicht gern daran: "Ich kannte diese Leute fast nicht. Und ich habe damals die schlechtesten Platten meiner Karriere aufgenommen."

Mehr als drei Jahrzehnte später ist ihr Name außerhalb Frankreichs bei nachgewachsenen Musikfans in Vergessenheit geraten, doch von geschichtsbewussten Stars des Pop-Geschäfts wird sie bis heute angebetet. Die Britpop-Jungs von Blur waren mit ihr im Studio, und auf ihrem neuen Album schnurrt Alt-Punk Iggy Pop mit ihr im Duett. Die Eurythmics haben nicht nur einen ihrer Hits gecovert, sondern Dave Stewart gestand obendrein, sein "erstes sexuelles Erlebnis" einer ihrer Plattenhüllen zu verdanken.

Françoise Hardy will von all dem wenig wissen. Ihr Englisch habe sie verlernt, behauptet sie - und kam doch beim Interview ganz ohne das dicke englische Wörterbuch aus, das sie auf ihren Knien drapiert hatte.

Überhaupt sei es vor allem einer günstigen Konstellation der Sterne zu verdanken, dass sie noch einmal eine Platte aufgenommen habe: "Es war wie ein Befehl aus dem Himmel."

Weil ihr das Pop-Geschäft offenbar zu dröge war, widmete sie den größten Teil ihrer Zeit seit den siebziger Jahren mit großem Aufwand der Astrologie. Sie hat Bücher darüber verfasst und für einen großen französischen Radiosender täglich Horoskope erstellt.

Als Françoise Hardy 1954 in Paris zur Welt kam, besetzten die Deutschen noch die Stadt, und der Saturn stand sehr hoch. "Hoher Saturn - tiefe Melancholie. Das weiß man doch!" Sie war ein ernstes Mädchen, lernte Deutsch und entwickelte tiefe Leidenschaft für den Rock'n'Roll. Zum Abitur bekam sie vom Vater eine Gitarre.

Sie begann, Lieder zu schreiben, und debütierte 1962 im französischen Fernsehen: Im Regenmantel schlich sie da, schön und scheu, durch eine dunkle, feuchte Gasse und sang davon, dass alle verliebt seien, nur sie nicht. "Tous les garçons et les filles" wurde in Frankreich und bald in aller Welt zum Sensationserfolg. Über Nacht war Françoise Hardy zum Star geworden, zum schönen Gesicht des jungen Paris. Serge Gainsbourg ("Was für ein Trinker!") schrieb ihr Hits wie "Comment te dire adieu", Salvador Dali wollte für sie malen, und Paco Rabanne ließ sie auf dem Laufsteg paradieren. Und natürlich huschte sie durch einige Kinofilme. Alles belangloser Unfug, beharrt sie.

Ende der Sechziger verkündete sie, sie wolle nie wieder auftreten. Anfang der Siebziger versiegten die Hits. Ihrem Ruhm in Frankreich hat das nie geschadet. Sie unterhält die Nation seit Jahrzehnten dank ihrer turbulenten Ehe mit dem Musiker und Schauspieler Jacques Dutronc und mit Hilfe diverser anderer Liebschaften. Auch dass sie ein paar missverstandene Dinge über den Populisten Le Pen geäußert hat, zählt eher zu ihrer Form des mitunter exzentrischen Entertainments. Platten veröffentlicht sie nur noch sporadisch. Ihr jüngstes Album aber ist ein echter Hit, allein in Frankreich wurden in den ersten vier Wochen über 100000 Exemplare verkauft. Und auch international ist Françoise Hardy wieder im Geschäft. Wohl auch deshalb, weil Bands wie Air und Daft Punk dem Land wieder Renommee als Pop-Nation verschafft haben.

Sehr zur Überraschung von Madame Hardy, die die Musik ihrer jungen Landsleute bestenfalls für mittelmäßig hält: "Englische Musik war schon immer aufregender als alles Französische." Am liebsten hört sie Radiohead, PJ Harvey und Massive Attack. Und das sehr laut: "Glauben Sie nicht, dass ich alt und schwerhörig bin. Ich habe hier meinen Spaß - und besonders dicke Wände."

Christoph Dallach


Die Wochenzeitung

Ein Idol altert: Die schöne Françoise Hardy kann das Singen nicht lassen...
Charme  hast du für sechs, ach was, für zehn! Seit vierzig Jahren ist Françoise Hardy  eine Ikone der Popmusik. Eine Liebeserklärung

Ernst  Buchmüller, Journalist und Autor von Fernsehdokumentationen.

Schuld ist eigentlich dieses blödsinnige Zappen in einer schlaflosen Nacht.  Plötzlich war sie wieder da in meinem Wohnzimmer, nach  all den Jahren; als  TV-Show-Ausschnitt von 1970, diese Frau, von der die halbe Welt ziemlich feucht  geträumt hat. Die tollen Augen, das  verschmitzte Lächeln, der künstliche  Studiowind im Haar, das zärtlich um das Gesicht wehte, und dann diese Stimme mit  der  deutschen (sic!) Version einer der Songs, die Serge Gainsbourg für sie  getextet hat. Der deutsche Text des Herrn W. Brandin, schon fast oscarverdächtig

Stets war mein Komplex du bist  zu schön
Charme hast du für sechs, ach was, für zehn
Liebt denn so was exklusiv nur misch
Was mach isch ohne disch?

«Diese Stimme wird Sie in eine andere Welt versetzen, in eine Welt der  Freundlichkeit, des Rhythmus und der Jugend: Eine frische, moderne Stimme ist  es, eine Stimme, die Sie nicht mehr loslässt.»
Das war 1962 und stand auf der  Hülle einer französischen EP, einer dieser 45-Touren-Platten, die - anders als  bei uns - nicht Singles  hiessen und statt zwei gleich vier Songs enthielten.  Kein Wort über das Aussehen der Stimme; dabei wurde diese Frau zur meist   fotografierten Popikone vor Madonna und zum Sinn(lichkeits)bild der  französischen sechziger Jahre überhaupt. Und was die Stimme  betrifft, die war  weder gewaltig noch besonders schön, ohne viel Farbe oder Ecken und Enden, recht  verhaucht («breathy voice»  schrieb der englische «Guardian») und immer leicht  gelangweilt: eine ziemlich limitierte Stimme, nicht besonders geeignet zum   Singen, und wenn wir ehrlich sind, kaum von dieser Welt. Aber wenn schon von  einer Welt, dann nur von einer romantisch-träumerischen, die sowieso nichts mit  der Realität zu tun hatte.
Und trotzdem: Diese Stimme brachte 1962 nicht nur  «unseren» Franz Steinegger, sondern ganze Nationen zum Schwärmen, Schmelzen,  Träumen und Fantasieren.

Dünne Stimme, lange Haare, Schmollmund ...
Françoise Hardy ist eine Tochter aus gutem Hause, ihre Mutter  Buchhalterin, ihr Vater Direktor einer Firma für Rechenmaschinen, dazu  aus  einflussreicher Familie, bei Frau und Kindern liess er sich allerdings kaum  blicken. Die Mutter Madeleine war für Françoise und  ihre Schwester Michelle  wichtigste Bezugsperson, ist es auch heute für Françoise.
Am 17. Januar 1944  - ihrem Geburtstag - ist Paris noch von den Deutschen besetzt. Die kleine  Françoise geht nicht in irgendeine  Schule, sondern ins renommierte Institut «La  Bruyère» und besucht Kurse an der Sorbonne, auch in Deutsch!
Die ersten  Schritte in Richtung Showbusiness bringen sie schon fast in die Zielgerade: Das  scheinbar schüchterne, traurig und ernst  blickende Mädchen wird ins «Petit  Conservatoire de Mireille» aufgenommen. Mireille, Komponistin, Sängerin, Radio-  und  Fernsehpersönlichkeit gründete 1955 in Paris eine Schule, die zur Wiege des  neuen französischen Chansons wurde: Neben Françoise waren auch Alain Souchon,  Michel Berger oder Hughes Auffray ihre Schüler.
1961 hört die kleine Françoise tagelang Everly Brothers, die mit ihrem echolastigen  Herz-Schmerz-Sound gleich zwei Nummer-  Eins-Hits in den englischen Charts  plazieren. Françoise kopiert Note für Note, Zeile um Zeile und rennt mit ihren  ersten Songs von Plattenfirma zu Plattenfirma.

1961, da war  Johnny-National-Hallyday in Frankreich schon ein Superstar, aber ein  Mädchen-Pendant dazu fehlte. Ob es wohl die  grossen, fragenden Augen waren oder  doch eher die langen Haare und der Schmollmund, die den künstlerischen Direktor  von  «Vogue», Jacques Wolfsohn, überzeugten, der Achtzehnjährigen eine Chance zu  geben? Die Stimme kann es ja wohl kaum gewesen sein ...

Die Königin  der unerfüllten Liebe
«Alle Mädchen und Knaben in meinem Alter gehen  miteinander Hand in Hand spazieren ... Nur ich, ich bin ganz allein», schluchzte   Françoise und kratzte dabei ihre Gitarre im C-Dur-a-Moll-d-Moll-G7-Trott. Und  siehe da, Herr Wolfsohn hatte die richtige Nase: Françoise  nahm ihre erste  Platte auf, liess dann aber Platte Platte sein, ging zuerst mal in die  Sommerferien nach Österreich, und als sie zurückkam, war sie der neue  Star.
Europe1 spielte das traurige Lied über die Liebe, die doch jetzt dann  bitte, bitte schnell kommen soll, fast täglich zwischen fünf und  sieben in der  legendären Popsendung «Salut les copains», und innerhalb kürzester Zeit wurde die  erste Million davon verkauft. Es sollte  nicht die letzte sein, auch dank dem  englischen Bruder «Find me a boy » und der deutschen Schwester «Peter und  Lou».

Zum ersten Mal wird «Generation» auch in Europa zu einem  Verkaufsargument: Die Jugendwelle schwappt los und schafft sich neue  Stars und  Idole mit einer cleveren Verbindung zwischen Image, Zeitschriften, Medien und  Musik.
Obwohl Françoise sowohl den Text als auch die Musik dieser  herzerweichenden Ballade schrieb, erhielt sie nur die Hälfte der  Royalties: Die  französische SACEM (bei uns heisst das SUISA) zahlte nur Geld an angemeldete  Komponisten. Anmelden konnte man  sich als Musiker aber nur nach einer  erfolgreichen Prüfung in Solfège, und Françoise konnte kaum Noten lesen, darum  ging das Geld für die Komposition an den Arrangeur Roger Samyn.
Trotzdem, das  grosse Geld und der weltweite Ruhm waren ihr sicher: Sie wurde zusammen mit  Sheila, Sylvie Vartan und France Gall zur Königin des französischen Yé  Yé.

1963 liefert sie einen Hit nach dem andern, tourt durch Frankreich, tritt  im «Olympia» auf, trällert beim Grand Prix d'Eurovision für  Monaco «L'amour s'en  va» und erhält den renommierten «Prix de l'Académie Charles-Cros». Und weil  Frankreich immer schon etwas  anders war, gab es da in den Bars nicht nur  Musikboxen, sondern auch Scopitones, kleine Bildschirme, auf denen man sich für  etwas  Wechselgeld die Hits der Saison nicht nur anhören, sondern auch ansehen  konnte. Françoise trällerte ihr Liedchen auf einer Schaukel  an der Chilbi,  umgeben von anderen hübschen Demoiselles, gefilmt von einem gewissen Claude  Lelouche.

Für ihr Styling war Yé-é-Hof-Fotograf Jean-Marie Périer zuständig,  der auch gleich die Rolle des Liebhabers übernahm.

Das intellektuelle  Topmodel
Das traurige und trotzdem temperamentvolle Mädchen mit den  langen Haaren, die immer wieder ins Gesicht fallen, kommt gut an. Sie  wirkt  geheimnisvoll und sexy und ist nicht dumm, bezeichnet sich selber als eher  unpolitisch, gilt bald mal als die Intellektuelle des  Yé Yé und agiert - wie  sich das wohl miteinander verträgt - als Topmodel für Courrèges und Paco  Rabanne. Françoise Hardy gibt es  auch im Kino, nicht unbedingt in tragenden  Rollen - eine begnadete Schauspielerin ist sie nicht -, dafür tritt sie in  denkwürdigen Filmen  auf: «Masculin - Féminin» von Jean-Luc Godard oder «What's  New, Pussycat» von Clive Donner, dem ersten Film von und mit Woody Allen.
Bei  seinem Pariser Konzert 1966 will Bob Dylan sie unbedingt treffen: Schon 1964 hat  er seinen Fantasien rund um das «frenchy girl»  freien Lauf gelassen und ihr auf  dem Cover der LP «Another Side of Bob Dylan» ein Gedicht gewidmet.

Françoise  ist innerhalb weniger Jahre zum Idol geworden, zum Inbegriff des französischen  Pop der sechziger Jahre und zum  Schwarm der ganzen Welt; oder mit den Worten von  David Bowie: «Ich war sehr lange leidenschaftlich in sie verliebt, und ich bin   überzeugt, dass sie das ahnte. Jedem Mann dieser Erde und nicht wenigen Frauen  ging es genau so, und wir alle sind immer noch in sie verliebt.»

Das Rennen  machte dann aber weder Dylan noch Bowie, auch nicht Mick Jagger oder Brian  Jones, sondern der Intellektuelle des  französischen Pop, Jacques Dutronc. Das  war 1966, sie sang mit ihren 23 Jahren «Ma jeunesse fout le camp» und war von  der Realität des Textes absolut überzeugt.

Dutronc, der Supermacho, liess  sich von der gelangweilten langhaarigen Sirene bezirzen, das ist auch heute noch  so. Nach 33 Jahren  sind die beiden immer noch ein Paar, haben sich erst kürzlich  an der Pariser Avenue Foch eine neue Wohnung genommen. Hier  wohnen die zwei auf  verschiedenen Etagen, und wenn sie miteinander sprechen wollen, nehmen sie das  Telefon. Diese Liebe war  immer eine Liebe auf Distanz, musikalisch hatten sie  nie viel gemeinsam, und wenn sie miteinander für den Fotografen posieren,  dann  bleibt da auch heute noch der Eindruck vom kleinen Mädchen und dem bösen Wolf.  Wo liegt wohl das Geheimnis dieser längsten  Liebesaffäre des französischen  Showbusiness? Rücksicht oder Taktgefühl kann es nicht sein, sonst hätte Dutronc  kaum im August  2000 zu «Libération» gesagt: «Ich konnte nie ein einziges Chanson  von ihr hören, das gibt mir den moralischen Kater [cafard]», dabei  schrieb  derselbe Jacques Dutronc die Musik zu einem ihrer frühen Songs «Le temps de  l'amour»; aber das ist dann eben die persönliche Geschichtsklitterung eines  Popstars.

Dutronc hat die schöne Françoise irgendwann 1966 dem erfolgreichen  Fotografen Jean-Marie Périer ausgespannt, ohne dass dieser  besonders zornig  wurde, im Gegenteil, Périer verhalf Dutronc 1973 zu seiner ersten Rolle als  Schauspieler im Film «Antoine et  Sébastien», und wer würde wohl bestreiten, dass  Dutronc zu einem wichtigen Exponenten des französischen Kinos gehört. Dazu ist   Périer auch heute noch ein guter Freund des Hauses, und Françoise lässt sich -  wenn überhaupt - nur noch von ihm fotografieren.

Dutronc und Hardy machten  einiges gemeinsam: 1973 den Sohn Thomas, sie heirateten nach Jahren, 1981,  einfach so, wohnten seit  1970 zusammen und doch immer getrennt, und erst 1978  gab es das erste Duo «Brouillard dans la rue Corvisart». «Ein schöner Song»,   meint Françoise heute, «aber er entsprach uns eigentlich überhaupt nicht, weder  mir noch Jacques.» Das ist ganz anders mit dem  zweiten Duo in der Geschichte  Hardy/Dutronc: «Puisque vous partez en voyage», ein Song aus den dreissiger  Jahren, geschrieben von  Mireille, der Frau, die - Sie erinnern sich - an ihrem  «Petit Conservatoire» in den frühen sechziger Jahren Françoise in Richtung   Showbiz leitete ... Dieser Song, der auf dem neusten Opus der Hardy  («Claire-Obscure», 2000) zu finden ist, ist perfekt für das  Chic-et-Choc-Paar:  In einem ziemlich adoleszenten Dialog verabschieden sich zwei Liebende auf einem  Bahnhof, zum ersten Mal  werden sie getrennt. Was im Original in direkter Rede  geschrieben ist, musste für Dutronc in die dritte Person Einzahl umgeschrieben   werden. Das direkte «tu» an seine Frau war ihm offensichtlich auch nach 33  Jahren zu viel an Nähe, dafür spielt Sohn Thomas die  Gitarre. Er ist ein  Virtuose auf dem Instrument, komponieren wollte er allerdings nie, das wäre dann  seine Abgrenzung gegenüber seinen Eltern.

Sie kann das Singen nicht  lassen...
Dass Frau Hardy immer noch neue Platten macht, war nicht immer  so: 1968 hat sie sich «endgültig» von der Bühne verabschiedet -  «weil ich vor  lauter Lampenfieber ganz einfach gestorben bin». Auch mit sechzig - beteuert sie  heute - gäbe es kein Comeback.  Warten wir es mal ab. Ihre Förderin Mireille  stand 1995 mit 89 Jahren plötzlich nochmals auf der Bühne des Pariser Théatre de  Chaillot.  Zwischen 1973 und 1988 gab es nicht viel, aber immerhin sieben LP von  unterschiedlicher Qualität, das Image des ewig jungen  Fräuleins konnte sie nie  ganz abschütteln, auch wenn ihre Musik ziemlich erwachsen wurde. 1988 war dann  mit « Décalages» endgültig  Schluss. Das wäre ihr Abschiedsalbum, mehr gäbe es  nicht und überhaupt interessiere sie die Astrologie viel mehr als die Popmusik,   liess Frau Hardy verlauten. Die Esoterik nahm überhand, Françoise Hardy zog sich  immer mehr zurück, wollte niemanden sehen,  kleidete sich nur noch in Schwarz und  hielt auch ihre Wohnung und Möbel in dieser fröhlichen Farbe.
Doch dann kam  1994 der König des Punk und wollte die Königin der unerfüllten Liebe zu einem  Comeback überreden: Malcolm  McLaren dachte sich eine perfekte  Françoise-Hardy-Geschichte aus. Für sein Album «Paris» schrieb er für sie einen  Song, beeinflusst  von Emil Zola. In der Geschichte von Zola ist da ein junges  Mädchen, das sein Bett mit Blumen bedeckt und sich in diesem  Blumenmeer  umbringt, schön drapiert, damit der Tod zu den Blumen passt. Und siehe da,  Françoise war von dem Projekt angetan,  sang «Revenge of the Flowers» und  begleitete McLaren sogar in eine TV-Talkshow.

Und dann ging es wieder los:  1995 nahm sie zusammen mit Blur die französische Version von «To the End» auf,  präsentierte 1996 eine  neue Seite von sich: mit «Le Danger», einer ziemlich  rockigen, gitarrenlastigen CD, die den Kritikern gut gefiel, dem Publikum aber   überhaupt nicht. Das war doch nicht die hauchende, schmachtende Françoise, an  die wir uns all die Jahre gewöhnt hatten. Und im Mai  dieses Jahres kam dann mit  «Clair-Obscure » eine Sammlung von Songs, die nicht nur mich enttäuscht haben;  auch wenn Leute wie Iggy Pop, Etienne Daho oder Jacques Dutronc  mitsingen.

Die erwähnte schlaflose Nacht mit dem Zapping brachte mich  übrigens in meinen Keller: Hier zwischen den alten Vinyl-Platten fand ich  das  tolle Doppelalbum «A Touch of Music, a Touch of Françoise Hardy» von 1969. Eine  Doppel-LP, wobei eine ganze Platte (A- und  B-Seite!) voller deutsch gesungener  Lieder ist. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob mir jetzt «Ich steige  dir aufs Dach», «Er  war wie du» oder doch «Ich hab das Glück» am besten gefällt.  Nicht zu unterschätzen ist der Text auf der Innenseite der Hülle. Ein gewisser  Michael Deruba schliesst seine Hymne mit folgenden Sätzen:

«Françoise Hardy  ist das geblieben, was sie wohl irgendwie schon immer war: eine überragende  Persönlichkeit, die ihr Publikum mit  ihren Liedern in einen Bann zu ziehen  versteht und die einfach mehr ist als irgendeine Sängerin.» Zum Glück wurde die  Platte viel gespielt und kratzt ganz schön auf dem Grammofon.

Ernst Buchmüller WoZ Ausgabe 1000 vom 26.10.2000


SR-Online

Francoise Hardy ist wieder da
Mit einem Chanson von Mireille und Jean Nohain ist sie seit einigen Wochen in Frankreich zu hören: "Puisque vous partez en voyage". Sie singt es mit ihrem Lebensgefährten Jacques Dutronc. Jetzt ist das neue Album von Francoise Hardy auf den Markt gekommen und gleich ganz oben in die Hitparade gerutscht, Claire-obscur heißt es (Virgin). Nostalgie, süß-saure und gemischte Gefühle, ein trauriges Lächeln: Markenzeichen der ehemaligen Deutschstudentin ist immer noch die Melancholie

Quelle: rfi-musique, 5.5.2000


Audio zu “Le Danger”

Von ihrem 1988 angekündigten Rücktritt ist sie jetzt zurückgetreten. In den 60ern Frankreichs Pop-Diva Nummer eins, sorgt Francoise Hardy nach eher stillen Jahren im Popgeschäft nun wieder für einen Knalleffekt: Souverän pendelt sie zwischen zupackendem Rock-Sound und einschmeichelnden Popmelodien - ähnlich funktionierte vor acht Jahren France Galls Comeback. Bob Dylan und Mick Jagger schwärmten einst für die langen Beine der Hardy - als Mittfünfzigerin lenkt sie die Aufmerksamkeit primär auf musikalische Reize.

© Audio


Stereoplay “zu Le Danger”

Eine reife Leistung: Francoise Hardy; das Ex-Fotomodell, die adrette Schlagerpuppe der 60er Jahre, begnügt sich nicht mit nostalgischer Rückschau. Ähnlich wie die Britin Sandie Shaw - auch sie ein Kind der Sixties - sucht die Französin den Kontakt zu jüngeren Rockmusikern. Mit Blur-Sänger Damon Albarn traf sie sich kürzlich zum Duett, das Album "Le Danger" spiegelt jetzt die Aufgeschlossenheit dieser Mitfünfzigerin in perfekter Weise. Zu raffinierten Gitarrensounds singt Madame Hardy sehr bestimmt und auch etwas untergründig-geheimnisvoll von der Schönheit des Teufels ("La beauté du diable "), dem obskuren Objekt der Begierde ("L'obscur objet") oder zehn Stunden im Sommer ("Dix heures en été "). Wer wollte da wiederstehen?

07-08 © Stereoplay


Tages Anzeiger

Rumpeltöne für die leichte Stimme

Françoise Hardy rockt wie noch nie zuvor
Nein, sagt Françoise Hardy, sie sehe sich kaum als ein Modell für eine besondere Art des Gesangs - und wir dachten dabei an einige ausgesprochene Velours-Stilisten der vergangenen französischen 10 Jahre, Daho, Murat, Dalcan. Es habe schon früher, in den 50er Jahren, solche Stimmen gegeben, solche unfarbige, konturenarme, leichtkalibrige. Eine Verweigerin, ein Antistar avant la lettre ist sie, die Vedette der Ye -Ye-Jahre, die seit Ende der Sechziger jeden Live-Auftritt ausschlug und sich auch sonst rar machte, öffentlich und musikalisch. Die sich um dieselbe Zeit entschloss, die Schrummgitarre und ihre fünf Grundakkorde auf die Seite zu legen, um fortan, wenn überhaupt, nur noch mit besseren, vielseitigeren Musikern zusammenzuarbeiten.

Entzugserscheinungen
Was ist es denn, das sie trotzdem singen macht, das sie dazu treibt, den vor acht Jahren ausgesprochenen endgültigen Schluss doch wieder rückgängig zu machen und erneut ein Album zu veröffentlichen? "Lieder schreiben", antwortet Françoise Hardy, "texten, dichten." Und sie kann dann richtiggehend ins Schwärmen geraten, über die Spielereien des Eingangsstückes "Mode d'emploi", Wort- und Sinnspiele in alter gainsbourgscher Tradition. Eigentlich sei es eine "devinette", ein Rätsel, eingewickelt in ein halbes Dutzend - extra verstümmelte oder abgeänderte - Redensarten, denen allen nun derselbe Begriff fehlt.

Und umgehend kann die Sängerin die Bedrückung im Titelsong "Le Danger" nachempfinden, entstanden in der Zeit, als die Mutter des Alain Lubrano im Sterben lag. Und dieser Lubrano eben, ein unscheinbarer junger Musiker und Studioassistent, von Hardy erstmals bei der Produktion des 88er Albums getroffen, nimmt eine zentrale Rolle im neuen Werk ein; acht der dreizehn Lieder hat er komponiert (drei weitere stammen von Rodolphe Burger, dem Leader der elsässischen Band Kat Onoma). So wechselt sich jetzt auf "Le Danger" ein grollender, rumpelnder, grungiger Rock a la Noir Desir mit verhaltenen, langgezogenen Bluestönen ab, in der Art wie sie Sonny Landreth etwa bei Bashung schon gleiten und liegengelassen hat, und macht es gar möglich, dieser angeblich so eintönigen Stimme einige unterschiedliche Farbeinstellungen abzugewinnen. Und der 52jährigen Aussenseiterin ihr aktuellstes, modernstes Album, vielleicht sogar ihr bestes.

Benedetto Vigne im Tages Anzeiger am 19. Juni 1996


Süddeutsche Zeitung

Kein Wunder, dass Malcolm McLaren, Erfinder der Sex Pistols, ewig böser Junge, einiges dafür gab, sie auf seinem Album Paris dabeizuhaben. Er traf sie - “Kennen Sie das, wenn man sich trifft und sofort sympathisch ist? Mit ihm war es das Gegenteil!” - “und dann trafen sie sich erst mal nicht mehr. Françoise: ,Ich hatte gehofft, die Sache würde ins Wasser fallen.” [...] Mag sein, dass sie mir unbedingt den Topf mit Azaleen, den Jacques Chirac ihr neulich zum Geburtstag geschickt hat, zeigen und dazu sagen muss: “Ich hasse Azaleen.”

5. Mai 1995 in Süddeutsche Zeitung Magazin


Les Inrockuptibles, April 1990

",Sie haben einmal gesagt, Ihre Karriere hätte anders ausgesehen, wenn Sie einen Meter zwanzig groß und hundert Kilo schwer gewesen wären.' Hardy: ,Das war ein Witz, aber ungewöhnlich hätte ich dann wohl auch ausgesehen (lacht). Fakt ist, dass ich genau im richtigen Moment kam; knabenhafte Mädchen wie mich mochte man vorher überhaupt nicht. Wir waren Heranwachsende mit Körpern von Heranwachsenden. Vielleicht waren wir auch deshalb so dünn, weil wir Kriegskinder waren.


Hugues de Courson über Hardys Pressereise durch Deutschland, 1974: "Und dann fragten sie irgendwelche Leute mit Stolz in der Stimme, warum sie sich entschieden hätte, einige Titel auf Deutsch zu singen. Und sie sagte: “Man hat mich dazu gezwungen. Ich hasse diese Lieder, ich finde sie richtig schlecht. Ich habe sie nur aus vertraglichen Gründen aufgenommen.” Die deutsche Plattenfirma war natürlich am Boden zerstört."

aus Etienne Daho, Françoise Hardy - superstar et ermite, 1986


Star Szene '77

Francoise Hardy wurde 1954 in Paris geboren.

Als die frischgebackene Abiturientin 1962 mit ihrem ersten Lied "Tous les garcons et les filles" Furore machte, wurde auf einmal den Erwachsenen bewußt, dass die Welt ihrer Kinder ganz anders war, als ihre eigene. Wie konnte nur dieses etwas zu lang geratene, schüchterne, linkische, ja sogar langweilige Mädchen ihren Gleichaltrigen gefallen? Dazu noch mit ihren nichtssagenden, monoton gesungenen Liedern? Ja, so dachten die Eltern. Sie vergaßen aber eines dabei: dass bis zu diesem Zeitpunkt alle Sänger ihrer eigenen Generation angehörten ... Brassens, Bécaud, Gréco, Aznavour, Brel, Ferré...

Niemand vertrat die Jugend in dieser Chansonwelt. Francoise Hardy kam als erste, und obwohl ihre Lieder sicher nicht sehr originell waren, hatten sie dennoch den Vorzug, über eine Welt zu erzählen, in die die Erwachsenen keinen Eintritt hatten. Nach Francoise folgten viele: Adamo, Sylvie Vartan, Sheila. Die Plattenindustrie entdeckte zuerst und ermutigte dann eine junge gierige Kundschaft, die bereit war, das Taschengeld in Singles umzusetzen. Auch das war neu. Ohne zu übertreiben kann man also sagen, dass Francoise Hardy mit ihren sanften, fast kindlichen Chansons eine wichtige Rolle gespielt hat - wahrscheinlich ohne sich dessen bewußt zu sein.

Heute gehört sie zwar nicht mehr zu den großen Stars, aber mit ihren neuen nostalgischen Liedern erfreut sie immer noch ihre treugebliebenen Freunde im In- und Ausland.

1000 Top-Stars päsentiert von Ilja Richter VN Verlagsgesellschaft für Nachschlagewerke mbH, Taunusstein, 1977


Der Spiegel, 1968

"Karlheinz Stockhausen, 40, Elektronikkomponist, der “die ganze Welt des Klingenden als Material der Musik” (Stockhausen) verwendet, fand ein neues Instrument. Für die Aufführung seines Improvisierwerks ,Unbegrenzt' heftete Stockhausen der französischen Schlagersängerin Françoise Hardy mehrere Kontaktmikrophone mit Pflastern auf den Körper und ließ ihr von Lautsprechern übertragenes Herzklopfen stundenlang von acht Instrumentalmusikern begleiten. Der Komponist über sein Werk: “Es war irrsinnig aufregend.”


Neue Illustrierte

Françoise Hardy singt bei Uns
Zwei Augen voller Tristesse “ Ich mag diese Zeug nicht in meinem Gesicht”, sagt sie und schiebt die Schminke weg. “ Ich mag nicht” ( je n’aime pas...) das gehört zu Françoise Hardy. Das ist ein Satz, den sie oft sagt.


Das klingt aus ihrer leisen, unausgebildeten Stimme, wenn sie vor dem Mikrophon ihre traurigen kleinen Lieder singt: “ Die Liebe geht...”, “Ich hab’ das Glück...”.


Sie sagt so oft: “Ich mag nicht über meinen Vater sprechen...”, “Mit fünfundzwanzig werde ich vergessen sein. Ich mag das grosse Star-Leben nicht...”.


Und ihr Blick geht dabei ins leere. Sie sieht selten jemanden an, wenn sie spricht. Die Arme hängen lose an ihrem schmalen, knabenhaften Körper herunter. So als wäre sie gar nicht da.


Fernsehregisseur Truck Branss holte sie für seine Show-Serie “ Porträt einer Stimme” vor die Kamera.


In weissen, unwirklichen Kleidern und Anzügen stellt er sie in genauso unwirklichen Kulissen. Sie liegt in einem Rokoko-Sessel. Sie steht allein im Wüstensand wie die Erscheinung von einer anderen Erde. Sie singt in einer leeren Maschinenhalle.


Das Mädchen Françoise lebt ausserhalb dieser Welt. Unbeteilgt, unberürht. Und im Wirbel des Aufnahmestudios, zwischen Beleuchtern und Kameraleuten steht das Mädchen Françoise wie ein fremdes, kühles Standbild. Sie lächelt nicht.

Sie schaut in den Spiegel und sagt leise und ohne Betonung: “ Ich mag nicht ...”.

Neue Illustrierte 15.11.1964


Twen, Juli 1964

Und wenn plötzlich alles aufhört', frage ich sie, ,wenn auf einmal Ihre Platten nicht mehr gehen und das Publikum andere Sängerinnen vorzieht?' Sie zuckt die Achseln. Sie schürzt die Lippen. Wahrscheinlich hält sie das für eine dumme Frage. Wahrscheinlich ist es eine dumme Frage. Françoise Hardy ist der Typ, bei dem sich fast alle Interviewfragen dumm anhören.


Stern, Januar 1964

Karriere ohne Kamm

Ihr Name ist in Frankreich bereits so bekannt, dass sie nur noch “die Hardy” heißt. Von Françoise Hardy, Teenager-Idol und Gesangsstar wurden bisher fast vier Millionen verkauft. Auch im Film werden wir sie bald sehen: mit Curd Jürgens in dem Sagan-Stück “Ein Schloß in Schweden”. Und all das mit 19 Jahren!

Françoise ist ein Phänomen: etwas zu groß, 1,72 Meter, eine Figur wie ein Bügelbrett und dazu eine Frisur, die keine ist. Nur ihr Gesicht ist ausdrucksvoll, der Mund sensibel, die Augen sind melancholisch. Ihre Stimme? Es ist die Stimme eines jungen Mädchens. Warum also ist sie so erfolgreich? Weil eine Neunzehnjährige von Ihren Gefühlen spricht, von der Einsamkeit junger Menschen, von der ersten Liebe zu einem Mann.

Sie vertont diese Gedichte selbst, singt sie und begleitet sich mit der Gitarre. Nur das ist es: Sie spricht in ihren Liedern Gedanken aus, die alle jungen Leute bewegen. Deshalb ist Sie so beliebt. Denn sie ist einfach, ehrlich und ohne Pathos.

Ihre Karriere verdankt sie einem politischen Ereignis. Vor zwei Jahren bei den Parlamentswahlen, als ganz Frankreich am Bildschirm saß, wurden zwischen den Wahlergebnissen unbekannte Künstler vorgestellt. Françoise Hardy sang das Lied, das sie berühmt machen sollte: “Tous les garçons et les filles ”, deutscher Titel “Peter und Lou”. Heute ist Sie so bekannt wie Juliette Greco.


Der Spiegel, 1963

Zusammen mit Juliette Gréco, der Ex-Ophelia der Existentialisten, rezitiert nun Françoise Hardy über den Sender ,Europa 1' Meisterwerke klassischer Liebeslyrik. Hardy: ,Ein Wunsch hat sich erfüllt.' Ein anderer Wunsch der Sängerin scheint ihr jetzt hingegen versagt: Wenn aller Ruhm verblasst sei, so äußerte sie einmal vor Monaten, wolle sie gern als Putzfrau sterben. Jetzt hat sie Geld in Immobilien angelegt.

 

Liebe Freunde von Francoise Hardy! Wenn Sie Ausschnitte aus Zeitungen oder Magazinen haben, könnten Sie diese hier anderen Personen zugänglich machen.